Marquerite Duras 1984 - jetzt lesen
Von: F1999-RaNk 2019/07/08
Der Liebhaber – Und weinend tut er es. Zuerst ist der Schmerz da. Dann wird dieser Schmerz genommen, wird umgewandelt, langsam herausgerissen, der Lust zugeführt, mit ihr vereint. Das Meer, formlos, einfach unvergleichlich … Der Liebhaber
Marguerite Duras, bürgerl. Donnadieu am 4. April 1914 in Gia Định bei Saigon, Vietnam geboren. In der Zeit, als Indochina (das heutige Vietnam, Kambodscha und Laos) französische Kolonie war. Tochter eines Lehrerehepaares, in Vietnam aufgewachsen und mit siebzehn nach Paris gegangen, um zunächst Mathematik, danach Jura und Politikwissenschaft zu studieren. Den Künstlernamen Duras entnahm sie dem Familiensitz ihres Vaters im Département Lot-et-Garonne.
Vielseitigkeit, ihr Prädikat als Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Internationale Bekanntheit erlangte Duras nicht mit einem Buch, sondern im Jahre 1959 mit dem Drehbuch zu dem Film „Hiroshima, mon amour“.
Der in diesem Beitrag behandelte Roman „Der Liebhaber“ (L’amant), erschienen im Jahre 1984, entstammt ihrer letzten Schaffens-Periode. Vorausgegangen waren seit Mitte der sechziger Jahre Arbeiten am Theater (Drama „La musica“) sowie Regie in Filmproduktionen in den Siebzigern und der ersten Hälfte der achtziger Jahre.
Ihre politische Orientierung glich einer Berg- und Talfahrt.
Während des zweiten Weltkrieges wurde Duras Mitglied der Résistance. Ehemann Robert Antelme wurde von der Gestapo verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt. Duras trat 1944 der Kommunistischen Partei Frankreichs bei. Weil sie Ende der vierziger Jahre gegen die Behandlung von Schriftstellern in der Sowjetunion protestierte, wurde sie 1950 aus der KP ausgeschlossen.
Marquerite Duras verstarb am 3. März 1996 in Paris.
Wie bereits im vorangegangenen Beitrag „Erinnerung an meine traurigen Huren“ handelt es sich auch hier um eine originalgetreue Verfilmung des Romans bis in die Dialoge, bis in die Stimme der Erzählerin hinein. Wer also nicht zu den „Leseratten“ gehört und dennoch Interesse am Stoff empfindet, dem kann damit geholfen werden, dass er sich den Film anschaut.
Der Liebhaber ist Duras erfolgreichstes Buch, für das sie im Jahre 1984 den Prix Goncourt und im Jahre 1986 den Prix Ritz Paris Hemingway erhielt. Ein Lese-Genuss, einfühlsam geschrieben, fesselnd, die 195 Seiten habe ich an einem Nachmittag gelesen.
Eines Tage, ich war schon alt, kam in der Halle eines öffentlichen Gebäudes ein Mann auf mich zu. Er stellte sich vor und sagte: „Ich kenne sie seit jeher. Alle sagen, sie seien schön gewesen, als sie jung waren, ich bin gekommen, ihnen zu sagen, dass ich sie heute schöner finde als in ihrer Jugend, ich mochte ihr junges Gesicht weniger als das von heute, das verwüstete.“
Ich denke oft an jenes Bild, das einstweilen nur ich sehe und von dem ich nie gesprochen habe. Es ist immer noch da, in der gleichen Stille, wunderbar. Es ist das einzige Bild von mir, das mir gefällt … Der Liebhaber – Alles lesen>>>
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Die Geschichte meines Lebens gibt es nicht. So etwas gibt es nicht. Es gibt nie einen Mittelpunkt. Keinen Weg, keine Linie. Es gibt weiträumige Orte, von denen man glauben macht, es habe hier jemanden gegeben, das stimmt nicht, es gab niemanden. Die Geschichte eines winzigen Teils meiner Jugend habe ich mehr oder weniger schon beschrieben, sozusagen erkennbar gemacht, ich spreche von ihr, der Geschichte der Flussüberquerung […]
Hier spreche ich von verborgenen Zeiten dieser selben Jugend, von gewissen von mir verschütteten Tatsachen, Gefühlen, Ereignissen. Ich habe unter Leuten zu schreiben begonnen, die mich streng zum Schamgefühl erzogen. Schreiben galt ihnen noch als moralisch.
Heute scheint Schreiben recht oft nichts mehr zu sein …
Jetzt sehe ich, dass ich sehr jung, mit achtzehn, mit fünfzehn, ein Gesicht hatte, in dem jenes andere vorweggenommen war, das mir später der Alkohol in mittleren Lebensjahren beigebracht hat. Der Alkohol übernahm die Funktion, die Gott nicht gehabt hat, auch jene, mich zu töten, zu töten. Dieses vom Alkohol gezeichnete Gesicht habe ich vor dem Alkohol bekommen.
Der Alkohol sollte es nur bestätigen. Es war in mir ein Platz dafür, ich wusste es wie die anderen, nur seltsamerweise im voraus. So wie in mir auch ein Platz für das Begehren war. Ich hatte mit fünfzehn ein Gesicht der Lust und kannte die Lust nicht. Dieses Gesicht war sehr deutlich. Selbst meine Mutter musste es gesehen haben. Meine Brüder sahen es. Alles begann für mich so, mit diesem sehenden, mitgenommenen Gesicht, diesen vor der Zeit umränderten Augen, vor dem Experiment.
Fünfzehneinhalb. Die Überquerung des Flusses. Der Liebhaber – Alles lesen>>>
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Auf der Fähre, neben dem Bus, steht eine große schwarze Limousine mit einem Chauffeur in weißleinener Livree. Ja, es ist der große Leichenwagen meiner Bücher. Es ist ein Morris Léon-Bollée. Der schwarze Lancia der Botschaft in Kalkutta hat noch nicht Einzug in die Literatur gehalten.
Zwischen den Chauffeuren und den Herren gibt es noch Schiebefenster. Es gibt noch Klappsitze. Noch ist alles geräumig wie ein Zimmer.
In der Limousine sitzt ein sehr eleganter Mann, der mich ansieht. Es ist kein Weißer. Er ist europäisch gekleidet, er trägt den hellen Tuschseidenanzug der Bankiers von Saigon.
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Er sieht mich an. Ich bin es schon gewohnt, dass man mich ansieht. Man sieht die Weißen in den Kolonien an, und die weißen zwölfjährigen Mädchen auch. Seit drei Jahren sehen mich auch die Weißen auf der Straße an, und die Freunde meiner Mutter laden mich liebenswürdig zum Kaffee ein, wenn ihre Frauen im Sportklub Tennis spielen …
Der elegante Mann ist aus der Limousine gestiegen, er raucht eine englische Zigarette. Er betrachtet das junge Mädchen mit dem Männerhut und den Goldschuhen. Er geht langsam auf sie zu. Man sieht, er ist verschüchtert.
Er lächelt nicht, zunächst. Zunächst bietet er ihr eine Zigarette an. Seine Hand zittert. Es gibt diesen Rassenunterschied, er ist keine Weißer, er muss ihn überwinden, darum zittert er. Sie sagt ihm, sie rauche nicht, nein danke. Mehr sagt sie nicht, sie sagt nicht, lassen sie mich in Ruhe. Da schwindet seine Angst. Da sagt er ihr, er glaube zu träumen […]
Sie steigt in das schwarze Auto ein. Der Wagenschlag schließt sich. Eine kaum spürbare Angst ist plötzlich da, eine Mattheit, das Licht auf dem Fluss wird trüb, eine Spur nur. Eine sehr leichte Taubheit, ein Dunst, überall.
Ich werde nie mehr im Eingeborenenbus reisen. Von jetzt an werde ich eine Limousine haben, die mich ins Gymnasium bringt und zurück ins Pensionat. Ich werde in den elegantesten Lokalen der Stadt zu Abend speisen. Und ich werde immer alles bereuen, alles was ich tue, alles was ich lasse, alles was ich nehme, das Gute wie das Schlechte, werde den Bus vermissen, den Busfahrer, mit dem ich lachte, die Betel kauenden alten Frauen auf den hinteren Plätzen, die Kinder in den Gepäcknetzen, die Familie in Sadec, die Schrecken der Familie in Sadec, ihr geniales Schweigen. Der Liebhaber – Alles lesen>>>
Es geschah sehr schnell. Er holte sie täglich vom Gymnasium ab, um sie ins Pensionat zurück zubringen. Und einmal kam er an einem Donnerstagnachmittag ins Pensionat. Er nahm sie mit im schwarzen Automobil […]
Es ist früh am Nachmittag. Sie ist dem vorgeschriebenen Spaziergang der Pnsionatsschülerinnen entwischt. Es ist eine Wohnung im Süden der Stadt. Modern, auf die Schnelle möbliert, würde man sagen, mit Möbeln im modern style. Er sagt: ich habe die Möbel nicht ausgesucht. Es ist dunkel in diesem Raum. Sie ist ohne ein bestimmtes Gefühl, ohne Hass, auch ohne Abscheu, dann ist vermutlich schon Begehren im Spiel […]
Er zittert. Er sieht sie zunächst an, als erwarte er, dass sie zu sprechen beginne, aber sie sagt nichts. Also rührt auch er sich nicht, er zieht sie nicht aus, er sagt, er liebe sie wie wahnsinnig, er sagt es ganz leise.
Sie sagt zu ihm: ich würde es vorziehen wenn sie mich nicht liebten. Doch selbst wenn sie mich lieben, möchte ich, dass sie tun, was sie üblicherweise mit Frauen tun. Er sieht sie entsetzt an, er fragt: ist es das, was sie wollen? Sie sagt ja. Hier in diesem Zimmer hat er zu leiden begonnen …
Der Liebhaber hat ihr das Kleid vom Leib gerissen …
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Er wirft es zu Boden, er reißt den kleinen weißen Baumwollslip weg und trägt sie nackt zum Bett. Und dann dreht er sich zur anderen Bettseite und weint. Und sie, langsam, geduldig, holt ihn zu sich zurück und beginnt ihn auszukleiden.
Sie berührt ihn. Sie berührt die Zartheit seines Geschlechts, seiner Haut, sie liebkost seine goldgelbe Farbe, das unbekannte Neuland. ER stöhnt, er weint. Er ist in einer erbärmlichen Liebe – der Liebhaber.
Und weinend tut er es. Zuerst ist der Schmerz da. Dann wird dieser Schmerz genommen, wird umgewandelt, langsam herausgerissen, der Lust zugeführt, mit ihr vereint … Der Liebhaber – Alles lesen>>>
mit: Jane March, Tony Leung Ka-Fai, Frederique Meininger, Arnaud Giovaninetti, Melvil Poupaud, Lisa Faulkner; Regie: Jean-Jacques Annaud
Jean-Jacques Annaud – geboren am 1. Oktober 1943 in Juvisy-sur-Orge, Frankreich. Annaud wurde selbst sowie seine Filme mit mehreren Preisen gekrönt. Sein bekanntester Film wohl, „Der Name der Rose“ nach dem Roman von Umberto Eco, mit Sean Connery aus dem Jahre 1986. Nach der Produktion von Werbespots produzierte er im Jahre 1976 „Sehnsucht nach Afrika“. Der Film erhielt einen Oscar als bester ausländischer Film. Ein weiterer, „Am Anfang war das Feuer“, erhielt zwei Césars. Der Liebhaber entstand im Jahre 1992. Nach dem Film „Sieben Jahre in Tibet“ wurde Annaud vom chinesischen Regime mit einem lebenslangen Einreiseverbot bestraft. 1997 wurde er Kommandeur des Ordre des Arts et des Lettres.
… den Chinesen (Tony Leung Ka-Fai), der kein Weißer ist, ein Eingeborener, der dennoch zu den Reichen gehört – der Liebhaber. Sie, die arme Tochter einer armen Familie aus dem Land der Kolonialherren, arm, weil die Mutter (Frederique Meininger) sich bei einem Landkauf verspekulierte, hervorragend und authentisch gespielt von der Engländern Jane March.
Die Verführung beginnt bereits auf der Fähre, sie weist ihn nicht ab, nachdem er ihr eine Zigarette anbietet, sie steigt in die große schwarze Limousine ein, nachdem er sie einlädt.
Nie wieder wird sie im Eingeborenenbus fahren, das denkt sie, als der Wagen von der Fähre rollt. Sie wird nur noch in diesem großen Auto fahren, in teuren Restaurants essen und als er sie in seine Stadtwohnung einlädt, sagt sie zu ihm, er solle mit ihr dasselbe tun, was er mit anderen Frauen tut. Er, den man heute als Playboy bezeichnen würde, der nicht arbeiten muss, der weint, als er ihr die Unschuld nimmt, die sie selbst ihm anbot, und als der Schmerz der neu entdeckten Lust wich, beginnt eine Liebe voller Leidenschaft, volle Gier und Hingabe. Für die Einstufung als FSK 12 zeigt der Film außerordentlich offen die Lust zweier Menschen, die sich hemmungslos ihrer Lust hingeben – Der Liebhaber.
Der Liebhaber – Keine übertriebene Ankündigung, eher zurückhaltend: Auf der Fähre über den Mekong begegnet die fünfzehnjährige Heldin mit dem Männerhut zum ersten Mal dem wohlhabenden Chinesen. Obwohl die Beziehung gesellschaftlich nicht tragbar ist, entwickelt sich eine leidenschaftliche Affäre zwischen den beiden …
Die authentische Romanverfilmung „Der Liebhaber“ des französischen Kultregisseurs Jean-Jacques Annaud ist ein Meilenstein des erotischen Films, der den Zuschauer durch die Suggestivkraft der Bilder und den exotischen Schauplatz unweigerlich in seinen Bann zieht.
Hier für Ihr Auge ein paar Ausschnitte, die nicht youtube-tauglich sind.
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| Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mir das in dieser Geschichte niedergeschriebene erspart geblieben wäre, hätte ich nicht am 25. August des Jahres 1997 virtuell einen Chatroom betreten, der den vielversprechenden Namen „Manager-Treff“ trug. Ebenso wenig sicher bin ich mir, ob es nicht besser gewesen wäre, der Bekanntschaft, die sich an besagtem Tage anbahnte, lieber aus dem Wege zu gehen. Überhaupt nicht sicher hingegen bin ich mir, ob ich das Ganze nicht vielleicht doch hätte erleben wollen und vielleicht tief traurig darüber gewesen wäre, hätte es überhaupt nicht stattgefunden. Was selbstverständlich hinterher niemand hätte wissen können, am wenigsten ich selbst ...Lisa, gerade vierzehn geworden, benahm sie sich völlig ungeniert, als wir uns zum ersten Mal begegneten. Man könnte so weit gehen, sie als völlig schamlos zu bezeichnen. Frech, kess, einen Hauch frivol. Sogar eine Prise Obszönität schien tief in ihrem Wesen versteckt zu sein. Das lag wohl eher daran, dass sie nicht vollumfänglich imstande war, die Wirkung ihres frühreifen Körpers auf spätreife Männer in seiner gnadenlosen Wucht auch nur ansatzweise zu erkennen. | |
| | Luise, blond und zweigeteilt in die lähmende Kälte des Nordens oben herum. Weiter südlich, vom Nabel abwärts, das ewig lodernde Feuer der Südländerin. Das war nicht immer so. Als wir uns das erste Mal körperlich trafen, wirkte sie welk. In ihrem Schoß schien sie trocken und völlig erkaltet. Später entwickelte sich die Region zwischen ihren Oberschenkeln zu einem pulsierenden Moloch, der mich, flog sie ihrem Höhepunkt entgegen, jedes Mal in sich hinein sog. Wenn er mich wieder ausspuckte, dann einzig zu dem Zwecke, mich einen Augenblick später erneut zu verschlingen. Wie eine wiederkäuende Kuh. Wir lernten uns in dem eingangs erwähnten Chat-Room kennen, in der Zeit kurz nachdem das internationale Spinnennetz seine Ausläufer über den großen Teich hinweg bis nach Deutschland wie in den Rest der Welt hinein schob. |
| Luise bewegt sich weiter, schneller … Nichts geht mehr, rien ne va plus. Enttäuscht wirft sie sich auf den Rücken. Ein Zischen dringt aus ihrem Hals. Wie wenn man beim Ausatmen die Zunge an den Gaumen drückt, wie bei einer Schlange, begleitet von zornigem Stirnrunzeln. Das höre und sehe ich zum ersten Mal. Bislang gab es nie einen Grund dafür. „Wir haben den ganzen Tag Zeit … Dazu die halbe Nacht …“, will ich sie vertrösten. Doch sie springt bereits aus dem Bett. Grollend zieht sie sich den Morgenmantel über, anschließend geht sie ins Bad. Als ich ihr wenig später folge, kommt Lisa in Bernys Begleitung aus ihrem Zimmer heraus. Zähnefletschend wedelt er mit dem Schwanz. Lisa lacht mich aus ihren strahlenden Augen heraus an, so blau wie tief. Einen Augenblick lang berühren sich im Vorübergehen unsere Hände, ein Hauch Zärtlichkeit. Sekundenbruchteile wandeln sich zu einem endlosen Flug in die Ewigkeit, am Ende ein Licht, das ein leises Sirren sendet. So muss Odysseus den Gesang der Sirenen empfunden haben …Alle Leseproben>>> | |
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