Prager Frühling 1967 – Hoffnung und Milan Kundera

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Prager Frühling – Kulturschaffende begehren auf

Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz

3. Mai 2017, es herrscht Frühling, wenn auch zuerst allein meteorologisch. Zeit, nach vorn zu sehen, ohne die Vergangenheit zu übersehen … Vor 50 Jahren – Auftakt des Prager Frühlings
„Ich werde sie für dich ausziehen, ich werde sie für dich in der Wanne baden und sie zu dir bringen…!“ flüsterte sie ihm zu, wenn sie aneinandergeschmiegt dalagen. Sie wollte mit ihm zu einem hermaphroditischen Wesen verschmelzen, und die Körper der anderen Frauen sollten zu ihrem gemeinsamen Spielzeug werden…. aus Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Der IV. Kongress des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes – Auftakt des Prager Frühlings

ludvik_vaculik_dass_beilVor fast genau fünfzig Jahren, im Frühjahr des Jahres 1967, begann unter tschechischen Kulturschaffenden, besonders unter den Schriftstellern, das Aufbegehren gegen die starre kommunistische Partei- und Staatsführung. Milan Kundera nahm dabei eine zentrale Rolle ein.
Dem vorausgegangen war eine Anfang der 60er Jahre eingeleitete Verschärfung der staatlichen Kontrolle aller Bereiche der Kultur. 1966 wurde diese Praxis in ein Gesetz gegossen, was zu ersten öffentlich wahrnehmbaren Widerständen führte. Die Auseinandersetzungen zwischen liberaleren Parlamentariern, die Lockerungen forderten, und den konservativen „Partei-Bonzen“ nahmen zu.

Eskalation Mai 1967

Der Streit eskalierte im Mai 1967, als zwanzig Mitglieder der Nationalversammlung das Verbot einiger Filme und eine Bestrafung der Mitwirkenden sowie derjenigen, die die Dreherlaubnis erteilt hatten, forderten. Dies führte zu öffentlicher Empörung unter zahlreichen Künstlern.
Die tiefe Kluft zwischen Kulturschaffenden und Parteispitze öffnete sich letztendlich auf dem im Juni 1967 abgehaltenen IV. Kongress des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Die Eröffnungsrede hielt Milan Kundera. Neben zahlreichen Kritiken am System, errang die Rede von Ludvík Vaculík (Das Beil) die größte Aufmerksamkeit.

Der Prager Frühling begann bereits im Mai 1967

Wenn auch der Beginn des Prager Frühlings auf den 5. Januar 1968 datiert wird, der Ernennung Alexander Dubčeks zum neuen Parteichef, so liegt sein Auftakt im Aufbegehren tschechoslowakischer Künstler, das seinen Lauf seit dem Frühjahr 1967 nahm. amazonvideo

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Zweiter Teil – Körper und Seele

Seit der Mensch alles an seinem Körper benennen kann, beunruhigt der Körper ihn weniger. Wir wissen auch, dass die Seele nichts anderes ist als die Tätigkeit der grauen Gehirnmasse. Die Dualität von Körper und Seele wurde in wissenschaftliche Begriffe gehüllt. Heute ist sie ein überholtes Vorurteil, und wir können fröhlich darüber lachen.
Man braucht aber nur bis über beide Ohren verliebt zu sein und seine Därme rumoren zu hören, und schon zerrinnt die Einheit von Körper und Seele, diese lyrische Illusion des wissenschaftlichen Zeitalters.
Teresa kannte die Geschichte jener Nacht natürlich nicht, als die Mutter dem Vater ins Ohr flüsterte, er solle aufpassen.

Teresa wusch die Wäsche

Sie fühlte eine Schuld, doch die war unbestimmt wie die Erbsünde. Sie tat alles um sie zu sühnen. Nachdem die Mutter sie mit Fünfzehn von der Schule genommen hatte, arbeitete sie als Kellnerin und gab der Mutter alles, was sie verdiente. Sie war bereit, alles Erdenkliche zu tun, um sich ihre Liebe zu verdienen. Sie besorgte den Haushalt, kümmerte sich um die Geschwister, verbrachte den ganzen Sonntag mit Putzen und Waschen. Das war schade, denn auf dem Gymnasium war sie Klassenbeste gewesen. Sie wollte höher hinaus, doch gab es in dieser Kleinstadt für sie kein Höher. Teresa wusch die Wäsche, und neben der Wanne hatte sie ein Buch liegen. Sie blätterte die Seiten um, und Wassertropfen fielen auf das Papier.

Der Stiefvater kam immer ins Badezimmer

Zu Hause existierten keine Schamgefühle. Die Mutter lief in Unterwäsche in der Wohnung herum, manchmal ohne Büstenhalter, manchmal, an Sommertagen, sogar ganz nackt. Der Stiefvater lief nicht nackt herum, aber er kam immer ins Badezimmer, wenn Teresa in der Wanne lag. Als sie sich deswegen einmal einschloss, machte die Mutter einen Skandal: „Für wen hältst du dich eigentlich? Was glaubst du denn, wer du bist? Er wird dir deine Schönheit schon nicht weggucken!“
An einem Winterabend spazierte die Mutter bei eingeschaltetem Licht nackt in der Wohnung herum. Teresa zog schnell die Vorhänge zu, damit die Nachbarn von gegenüber die Mutter nicht sehen konnten. amazon_audible

Der menschliche Körper pisst und furzt

Sie hörte das Gelächter hinter ihrem Rücken. Am nächsten Tag kamen Freundinnen der Mutter zu Besuch: eine Nachbarin, eine Kollegin aus dem Geschäft, eine Lehrerin des Viertels und noch zwei oder drei Frauen, die sich regelmäßig trafen. Teresa kam mit dem sechzehnjährigen Sohn einer der Frauen ins Zimmer. Gleich nutzte die Mutter die Gelegenheit zu erzählen, wie ihre Tochter ihr Schamgefühl hatte beschützen wollen. Sie lachte, und all die Frauen lachten mit. Dann sagte die Mutter: „Teresa will sich einfach nicht damit abfinden, dass der menschliche Körper pisst und furzt.“

Der Kampf mit der Mutter

Teresa wurde rot, aber die Mutter fuhr dennoch fort: „Was ist denn schon dabei?“, und gab gleich die Antwort, indem sie laute Winde fahren ließ. Alle Frauen lachten.
Nun können wir den Sinn von Teresas heimlichem Laster besser verstehen: ihre häufigen langen Blicke in den Spiegel. Es war ihr Kampf mit der Mutter. Es war der Wunsch, nicht ein Körper wie die anderen zu sein, sondern auf der Oberfläche des eigenen Gesichts zu sehen, wie die Mannschaft der Seele aus dem Schiffsbauch stürmt …

Mitnehmen zu seinen Freundinnen

„Ich möchte dich in meinem Atelier lieben wie auf einer Bühne. Ringsherum stehen Leute, die keinen Schritt näher kommen dürfen. Aber sie können die Augen nicht von uns losreißen…“
Im Laufe der Zeit verlor dieses Bild seine ursprüngliche Grausamkeit und begann, sie zu erregen. Manchmal, während der Liebe, rief sie Tomas diese Situation flüsternd in Erinnerung.
Sie sagte sich, dass es einen Ausweg gab, um der Verdammung zu entrinnen, die sie in Tomas` Untreue sah: er sollte sie mitnehmen! Mitnehmen zu seinen Freundinnen! Vielleicht war das der Weg, ihren Körper wieder zum ersten und einzigen zu machen.

Sie versuchte, sich Sabrina anzunähern

Ihr Körper würde zu seinem alter ego, zu seinem Adjudanten und Assistenten.
„Ich werde sie für dich ausziehen, ich werde sie für dich in der Wanne baden und sie zu dir bringen…!“ flüsterte sie ihm zu, wenn sie aneinandergeschmiegt dalagen. Sie wollte mit ihm zu einem hermaphroditischen Wesen verschmelzen, und die Körper der anderen Frauen sollten zu ihrem gemeinsamen Spielzeug werden.
Das Alter Ego in seinem polygamen Leben werden. Tomas wollte das nicht verstehen, aber sie konnte sich nicht von dieser Vorstellung lösen und versuchte, sich Sabina anzunähern. Sie schlug ihr vor, Porträtfotos von ihr zu machen.

Zieh dich aus!

Sabina lud sie in ihr Atelier ein, und Teresa sah endlich den weiten Raum mit dem breiten Bett in der Mitte, das dort stand wie ein Podest.
Der Apparat diente Teresa als mechanisches Auge, um Thomas Freundin zu beobachten, zugleich aber auch als Schirm, um ihr Gesicht dahinter zu verbergen.
Sabina brauchte eine gewisse Zeit, bis sie sich entschloss, den Mantel auszuziehen. Die Situation war doch etwas schwieriger, als sie vorhergesehen hatte. Nachdem sie eine Weile posiert hatte, ging sie auf Teresa zu und sagte: „Und jetzt fotografiere ich dich. Zieh dich aus!“

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Er berührte die Frauen nie

Die Worte: „Zieh dich aus!“ hatte Sabina oft von Tomas gehört, und sie hatten sich tief in ihr Gedächtnis eingegraben. Es war also sein Befehl, den die Freundin nun an die Ehefrau richtete. Tomas hatte die beiden Frauen durch denselben magischen Satz verbunden. Es war ganz seine Art, ein harmloses Gespräch unerwartet in eine erotische Situation zu verwandeln: nicht durch Liebkosen, Berühren, Schmeicheln oder Bitten, sondern durch einen Befehl, den er plötzlich erteilte überraschend und leise, aber nachdenklich und gebieterisch, und immer aus einer gewissen Entfernung: in diesem Moment berührte er die Frauen nie.

Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins – Roman und Film

milan_kundera_die_unertraegliche_leichtigkeit_des_seins_leseproben die_unertraegliche_leichtigkeit_des_seins_der_film Sabina nahm Teresa den Apparat aus der Hand und Teresa zog sich aus. Nackt und entwaffnet stand sie vor Sabina. Im wahrsten Sinne des Wortes entwaffnet, das heißt ohne ihren Apparat, hinter dem sie eben noch ihr Gesicht versteckt und den sie gleichzeitig wie eine Waffe auf Sabina gerichtet hatte. Sie war Toma s Freundin ausgeliefert. Diese schöne Ergebenheit berauschte sie. Sie wünschte, die Sekunden, die sie nackt vor Sabina stand, gingen nie zu Ende…

Teresa fotografierte die Niederschlagung des Prager Frühlings

Viele ihrer Aufnahmen erschienen in verschiedenen ausländischen Zeitungen: darauf sah man drohende Fäuste, beschädigte Häuser, mit blutigen blau-weiß-roten Fahnen zugedeckte Tote, junge Leute auf Motorrädern, die mit rasender Geschwindigkeit um die Panzer kreisten und die Nationalfahne an langen Stangen schwenkten, Mädchen in unglaublich kurzen Miniröcken, die die armen, sexuell ausgehungerten russischen Soldaten provozierten, indem sie vor deren Augen unbekannte Passanten küssten. Die russische Invasion war nicht nur eine Tragödie, sondern auch ein Fest des Hasses, getragen von einer sonderbaren (niemandem mehr erklärbaren) Euphorie – Das Ende des Prager Frühlings … Milan Kundera und der Prager Frühling – Alle Leseproben>>>


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