Angelika Schrobsdorff – Die Herren

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Buichvorstellung mit Leseproben

In Memoriam Angelika Schrobsdorff

die am 30. Juli 2016 in Berlin verstarb

„Mein Gott, hast du schöne Augen“, murmelte er. Er sah anders aus als sonst. Ich wusste nicht, warum er mich so anschaute. Ich wusste nicht, was geschehen würde.
dtv Verlagsgesellschaft München

Vorbemerkungen

Selten sind Züge des persönlichen Schicksals zu einem psychologisch-erotischen Roman von solcher Eindringlichkeit geformt worden wie in diesem selbst erzählten Bericht der >Halbjüdin< Eveline, die als Sechzehnjährige das Kriegsende in Bulgarien erlebt und, kaum erwachsen, lebenshungrig, von Abenteuer zu Abenteuer gleitend, in das besetzte Deutschland zurück kehrt. Die „Herren“, das sind nicht nur die politischen Machthaber, sondern auch die Männer, die das Leben des jungen Mädchens geprägt haben: Boris, die erste Liebe, der Engländer Julian, der amerikanische Offizier, der sie heiratet, der Regisseur Werner Fischer, an dem ihre Ehe zerbricht und dessen Künstlerpathos sie doch so rasch leid wird. 1961, als dieser Roman zum ersten Mal erschien, war es noch völlig unüblich, dass eine Frau so relativ freimütig ihre sexuellen Erfahrungen darstellte, wie es die Erzählerin tut. Der Roman löste deshalb einen Skandal aus. Die beiden Schlusskapitel konnten sogar erst in der Neuauflage 1986 veröffentlicht werden.

Ein Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Es ist schwer aus der Hand zu legen (der Autor dieses Literatur-Blogs).

Angelika Schrobsdorff wurde 1927 in Freiburg im Breisgau geboren, musste 1939 mit ihrer jüdischen Mutter aus Berlin nach Sofia emigrieren und kehrte 1947 nach Deutschland zurück. 1971 heiratete sie in Jerusalem Claude Lanzmann. Sie lebte in Paris und München und zog 1983 nach Jerusalem. Seit 2006 lebte sie wieder in Berlin, wo sie vor wenigen Tagen, am 30. Juli 2016, verstarb.

Der Korvettenkapitän

Als ich vierzehn Jahre alt war, behauptete meine Mutter, ich sei noch erstaunlich unentwickelt für mein Alter. Körperlich und auch sonst.
Diese Behauptung kränkte mich, besonders wenn sie vor Dritten geäußert wurde. Aber meine Mutter schien ausgesprochen froh darüber zu sein. Erst später begriff ich, warum. Sie fürchtete die Dinge, die eintreten könnten, wenn ich erst einmal entwickelt war.
Zu dieser Zeit lernte meine Mutter eine junge Berlinerin kennen, die mit ihrem Mann nach Sofia gezogen war. Renate Schröder wurde für mich sofort das Idealbild einer Frau. Sie war Ende Zwanzig, schlank, langbeinig, blond und blauäugig. Ich himmelte sie an und war glücklich, als ich merkte, dass sie sich mehr und mehr mit meiner Mutter befreundete. Sie lud uns oft zu sich ein. Diese Stunden waren ein Ersatz für meine heimwehkranken Träume.
Die Wohnung, in der sie lebte, war groß und hell. Es standen dort viel schönere Möbel als bei uns und in allen Räumen lagen leuchtend bunte Teppiche. Nichts war grau und bedrückend. Es gab immer etwas Besonderes zu essen und zu trinken. Außerdem gab es ein Grammophon mit deutschen Schallplatten. Mehr brauchte ich nicht – bis zu dem Tag, an dem Korvettenkapitän Wahl ins Zimmer und in mein Leben trat.
Ich weiß noch, dass ich vor dem Grammophon kauerte und gerade eine neue Platte auflegen wollte. Als Korvettenkapitän Wahl eintrat, hielt ich die Platte in halber Höhe. So hielt ich sie sekundenlang. Der Mann in der eleganten dunkelblauen Uniform erinnerte mich fast schmerzhaft an meinen Vater. Er war imponierend groß, stattlich, männlich. Er hatte ein gut geschnittenes, liebenswürdiges Gesicht, blaue Augen und graublonde Haare. Er hatte das kleine, abwesende Lächeln von Papa und auch seinen ruhigen, fernen Blick.
Von diesem Tag an lebte ich nur noch in Träumen und Fantasien. Denn da ich Korvettenkapitän Wahl trotz aller Bemühungen nur selten sah, musste ich mit ihm in einer unwirklichen Welt leben. In dieser unwirklichen Welt passierten die unvorstellbarsten Dinge. Einmal rettete ich ihn vor dem Tod, ein anderes Mal setzte er sein Leben für mich aufs Spiel; ich wohnte in seinem Hause, oder wir reisten zusammen um die ganze Welt. Manchmal, wenn ich sehr niedergeschlagen war, stellte ich mir auch vor, wie er an meinem Sterbebett kniete, um mich schluchzend in die Arme zu nehmen. Der schönste Traum war jedoch die Heimkehr nach Deutschland und die Wiederbegegnung mit meinem Vater. Ich malte mir aus, wie sie sich die Hände reichten, diese beiden großen, starken Männer, und wie ihre Blicke dabei zärtlich und schützend auf mir ruhten.
„Mein Gott, hast du schöne Augen“, murmelte er.
Er sah anders aus als sonst. Ich wusste nicht, warum er mich so anschaute. Ich wusste nicht, was geschehen werde. Ich rührte mich nicht.
Er legte die Arme um mich und hob mich hoch. Ich muss leicht für ihn gewesen sein wie eine Feder, denn er tat es ohne Mühe. Er presste meinen Körper fest an sich und küsste mich. Ich spürte seine geöffneten Lippen und seine Zunge, die feucht und zart über meinen geschlossenen Mund glitt. Es war wie ein elektrischer Schlag, so jäh, so schmerzhaft, so unerwartet. Es war der erste Kuss eines Mannes. Ich hätte ihn erwidert, doch ich wusste nicht, wie.
Er stellte mich auf den Boden zurück. Sein Gesicht war um eine Spur blasser, und seine Hand, mit der er sich jetzt durch das Haar strich, zitterte. Ich stand da, erschreckt, verwirrt, verlegen und auf eine völlig hilflose Weise glücklich.
Er zündete sich eine Zigarette an: „Leb wohl, Evelina“, sagte er dann, „es war schön, dich noch einmal gesehen zu haben.“
Kälte kroch meinen Rücken hinauf. „Warum sagen sie das…?“
„Ich dachte, du wüsstest es. Ich verlasse Sofia … morgen oder übermorgen“, antwortete er ernst.

Die Helfer in der Not

In Bulgarien ist es üblich, dass ein „Befreier“ den anderen aus dem Lande jagt. Auf dieses Weise ist Bulgarien schon oft „befreit“ worden. Mal waren es zaristische, mal faschistische, mal kommunistische Befreier, und alle fühlten sich in dem kleinen, fruchtbaren Land sehr wohl.
Man kann nicht sagen, dass Bulgarien seine „Befreier“ liebte. Es hat auch wenig von ihnen, außer natürlich Unannehmlichkeiten und eine große Zahl von Nationalhelden.
Im Herbst 1944 zogen die deutschen „Befreier“ Hals über Kopf ab und die russischen „Befreier“ Hals über Kopf ein.
Die Bulgaren hatten Übung in solchen Dingen. Sie wussten, was sich schickte. Sie organisierten zu Ehren der neuen „Befreier“ einen Aufstand. Partisanen kletterten behende von ihren Bergen; Kommunisten traten überraschend und mit erhobener Faust aus dem Schatten; die Regierung wurde gestürzt. So weit, so gut, wenn es dabei geblieben wäre. Es blieb aber nicht dabei. Denn die Bulgaren sind ein temperamentvolles Volk und Revolutionen sind dazu da, dass größere Mengen von Menschen umgebracht werden. Als erste mussten die ehemaligen Minister daran glauben. Sie durften sich vorher noch die eigenen Gräber schaufeln, dann wurden sie hinein geschossen. Als das geschehen war, kamen die Faschisten an die Reihe. Eine kleine Anzahl echter Faschisten, eine große Anzahl eventueller Faschisten und eine enorme Anzahl von Faschisten, die gar keine Faschisten waren.
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Ich war mit meiner Mutter nach Sofia zurückgekehrt. Wir wohnten in einer kleinen, versteckten Gasse, in der Mansarde eines dreistöckigen Häuschens. Das Häuschen drohte zusammen zu brechen, denn es war uralt. Es war nicht ganz ungefährlich, darin zu wohnen, denn die Ziegel fielen vom Dach und die Mauern hatten Risse. Die schmale Holztreppe, die die Stockwerke miteinander verband, war morsch, und einige Stufen hatte man mit Kreuzen versehen. Diese Stufen durfte man nicht betreten, sonst brach man durch.
Das Leben in Sofia wurde irgendwann friedlicher. Man hatte genug Menschen umgebracht, und die, die dem Tod entronnen waren, fügten sich in das neue Dasein. Diejenigen, die jetzt an die Macht gekommen waren, betonten die Menschlichkeit des neuen Regimes. Die Bevölkerung schwieg und erinnerte sich der zahllosen Leichen, die irgendwo verscharrt worden waren. Die russische Besatzung benahm sich vorbildlich. Man sah sie nur in Trupps vorbeimarschieren, unter eigentümlich monotonem Gesang und mit starr nach vorn gerichtetem Blick. Man sah sie nie betrunken. Man sah sie nie mit Mädchen. Man sah sie nie sprechen. Man sah sie nie lachen. Sie durften das alles nicht. Sie wirkten wie aufgezogen.
Im Oktober traf ein Häuflein Engländer und ein Häuflein Amerikaner in Sofia ein. Es waren zwei klägliche Häuflein, bestehend aus etwa hundert Mann. Sie nannten sich „Militärmission“. Die Bulgaren machten hoffnungsvolle Augen und warteten, was nun weiter geschähe. Es geschah nicht viel. Die Engländer und Amerikaner waren ein wenig verwundert über die balkanesischen Zustände und merkten schnell genug, dass sie auf verlorenem Posten standen.
Für mich war die Ankunft der Engländer und Amerikaner eine Sensation. Ich war nur noch damit beschäftigt, sie aufzuspüren und anzustarren.
Ich war fest entschlossen, einen von ihnen kennen zu lernen.
„Ich werde Englisch lernen“, erklärte ich meiner Mutter.
„Ja, ja“, sagte sie nur.
„Du wirst es sehen, in einem Monat kann ich mich verständigen. Und dann werde ich entweder einen Engländer oder einen Amerikaner kennen lernen.“
„Ach so, daher der Eifer.“
„Hältst du das etwa nicht für richtig?“ fragte ich ärgerlich.
„Doch, doch.“
„Hast du mir nicht immer wieder erzählt, die Engländer seien das einzige Volk, auf das man sich verlassen könne.“
„Ich meinte damit nicht gerade im Umgang mit jungen Mädchen.“
„Ach, Mutti, du machst dir unnötige Sorgen … ich bin jetzt so weit, dass ich ganz genau weiß, was ich will…“
Ja, ich wusste es.
Ich ließ mich in einem Kurs für Englisch einschreiben.

Die romantischen Vorstellungen eines jungen Mädchens sind sehr schwer zu zerstören. Obgleich ich die Ungerechtigkeit und Grausamkeiten des Lebens schnell und drastisch kennen gelernt hatte, bewahrte ich mir meine Illusionen. Ich lebte in der Gegenwart. An die Zukunft dachte ich nicht. Die Gegenwart war Julian und das schwindelnde Gefühl, das ich bei seinen Küssen empfand, und die Sehnsucht und das Verlangen und das Glück, in seiner Nähe zu sein. Die Zukunft war unübersehbar. Mein Pass war seit dem Abzug der deutschen Truppen nicht mehr verlängert worden. Auch konnte er mir – ob verlängert oder nicht – nur schaden. Meine Mutter hatte ihn deshalb verbrannt. Damit war ich automatisch staatenlos geworden. Staatenlose sind dem Staat, in dem sie sich aufhalten, ausgeliefert. Sie stehen unter keinem Schutz. Man kann mit ihnen machen, was man will.

Julian wusste über all das nur nebelhaft Bescheid. Er wusste, dass wir deutsche Emigranten waren, sonst nichts. Ich hatte ihm nicht gesagt, dass ich Halbjüdin sei. Zu lange hatte ich meine Abstammung, unter Scham und Furcht und Qual, verleugnen müssen. Ich konnte mich nicht so plötzlich umstellen.
Julian fragte auch nicht. Er ahnte wohl, dass ich über manches nicht gern sprach.
„Ich liebe dich, Evelyn. Ich möchte dich heiraten“, sagte er eines Tages, als wir wie gewöhnlich auf meinem Bett lagen.
Ich rührte mich nicht. Ich dachte: Er will mich heiraten… er will mich tatsächlich heiraten…

Im Februar spürte man bereits den ersten Frühling. Die Menschen schauten hoffnungsfroher in die Zukunft. Die Frauen dachten an ein neues Kleid, an große Wäsche und Ausflüge ins Grüne. Die Männer dachten an die Frauen. Die Regierung dachte, dass die Menschen allzu menschlichen Beschäftigungen nachgingen und dass es höchste Zeit sei, dem abzuhelfen. Und also geschah es.
Eine neue Welle von Verhaftungen spülte über Bulgarien hinweg. Die meisten Opfer waren sich ihrer Sünden keineswegs bewusst. Unter ihnen meine Schwester. Sie wurde nachts verhaftet und abtransportiert.
„Was hat Bettina denn getan…?“ fragte Mutti wieder und wieder.
„Gar nichts, natürlich…“, stöhnte Mizo, ihr Mann, der uns die Hiobsbotschaft überbrachte. Und dann brüllte er plötzlich: „Sie hat einen deutschen Vater…“
In den folgenden Wochen vollzog sich eine Wandlung in mir. Wie ein Igel, der sich bei Gefahr zusammen rollt, verbarg ich meine weichen, verletzlichen Stellen unter einem gefährlichen Stachelpanzer. Wie viel ich mir in meinem tiefsten Inneren an Romantik, Idealen und Illusionen bewahrte, weiß ich nicht. Sicher gelang es mir nicht, sie ganz zu zerstören. Aber nach Außen hin hatte es wenigstens den Anschein.


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„Der Vorleser“ ist eine tiefgründige Geschichte, die von Regisseur Stephen Daldry („Billy Elliot – I Will Dance“, „The Hours“) mit reichlich Feingespür umgesetzt wurde. Nicht nur die Perspektive ist interessant, sondern auch der Fakt, dass es Daldry hervorragend gelingt, einen emotionsreichen Film über mehrere Generationen abzulegen, der bewusst kein pures Holocaust-Drama ist oder sein will. Im Zentrum stehen einerseits die altbekannte Schuldfrage, andererseits aber auch die Problematiken, mit denen die Nachkriegsgeneration leben muss. Beispielsweise die Frage, ob der das Grauen vor den Taten der eigenen Eltern von den Kindern hingenommen oder hinterfragt werden sollte. „Der Vorleser“ ist kein leicht zu verdauender Film, denn er stellt sich moralisch wie juristisch schwierigen Fragen. Dennoch ist er auch ein zarter und gleichermaßen leidenschaftlicher Film, der mit großer Eindringlichkeit zeigt, wie tief und weit Liebe gehen kann. Die Produktion nutzt eine elegante Inszenierungsweise und sehr wirkungsvolle Bilder. Trotz der nicht ganz unkompliziert ineinander verschlungenen Zeitebenen, gelingt es Daldry dramaturgisch schlüssig und mitreißend zu erzählen. Neben der Liebesgeschichte des jungen Michael Berg (David Kross) fasziniert vor allem die Bindung des alten Protagonisten (Ralph Fiennes) an die, in Haft sitzende Liebe seines Lebens.


Captain Henderson bot mir das „Leben“. Er war im entscheidenden Moment erschienen, und oft entscheidet der Moment mehr als der Mann. In dem Augenblick, in dem das Chaos in mir am größten war, als ich verzweifelt nach einem schnellen Ausweg suchte, als ich schwankte wie ein Halm im Wind, griff er zu. Es bedurfte gar keiner großen Geschicklichkeit.
Nach wie vor traf ich mich mit Julian. Aber da ich abends nie mehr Zeit und Julian tagsüber Dienst hatte, waren es immer nur kurze Stunden. Ich vermied es, sie in meinem Zimmer zu verbringen und richtete es meistens so ein, dass wir spazieren gingen.
Ich wollte Julian nicht ganz aufgeben. Ich hing noch an ihm. Allerdings anders als früher. Ich war nicht mehr verliebt….. Alles lesen>>>>>


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Der Sieger und der Besiegte

Als Kind war ich einmal drei Tage in München gewesen. Ich erinnerte mich an wenig: an Tauben, die in hellen Scharen überall herum flatterten, und an die Feldherrenhalle, an der man mit erhobenem Arm vorüber gehen musste. Ich fand die feisten Tauben und die erhobenen Arme sehr belustigend.
Als ich Januar 1948 nach München kam, sah ich einen gewaltigen, trostlosen Schutthaufen. Man hatte mir erzählt, München sei eine der schönsten Städte Deutschlands, aber ich suchte vergeblich nach all den Schönheiten. Ich sah nur Ruinen und Trümmer und Menschen, die frierend und hungernd ein termitenhaftes Dasein führten.
Ich sah sie in Trauben an den Trambahnen hängen, in Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften stehen, in grauen Scharen durch die Straßen trotten. Ich beobachtete, wie sie, bis zur Nase vermummt, vor Theatern oder Kinos anstanden, um sich in kaum geheizten Räumen ein Stück oder einen Film anzusehen; ich stellte mir vor, wie sie hinter riesigen Mauern und holzverschalten Fenstern in ihren kalten Zimmern saßen und sich von Kartoffeln und Rüben ernährten. Und ich schauderte bei dem Gedanken, ich könne jemals, jemals wieder in eine ähnliche Situation geraten.
Ich wohne in einem Stadtviertel Münchens, das an Hässlichkeit nicht zu übertreffen war.
Stephen war nach Bad Tölz versetzt worden und kam meist nur zum Wochenende nach Hause. Ich teilte die Wohnung mit Jojo und Ute, und beide tanzten nach meiner Pfeife. Jojo war ein prächtiger irischer Setter mit kupferrotem Fell und feuchten, melancholischen Augen.
Ute war ebenso hektisch wie Jojo. Als Hausmädchen durch das amerikanische Arbeitsamt vermittelt, erschien sie eines Morgens mit flatternden Bewegungen und starrem Blick bei mir in der Wohnung.
Die erste Woche schlief sie noch, wie abgemacht, bei ihren Eltern, die zweite bereits auf dem Sofa im Wohnzimmer, und als dieses zu ihrer Freude ein weiteres Bein verlor, neben mir im Ehebett.
Ich hatte nichts dagegen. Ich fand es sogar sehr vergnüglich. Da ich keinerlei Umgang hatte und nach wie vor weder zu den Deutschen noch zu den Amerikanern Kontakt fand, suchte ich ein menschliches Wesen, dem ich mich in allem anvertrauen konnte.
Vor Ute Huber kannte ich weder Scham noch Scheu, denn ich merkte bald, dass sie alles, was ich tat und sagte, herrlich fand, dass sie mich rückhaltlos bewunderte, ja anbetete.
Ich blühte unter dieser Anbetung auf, ich begann mich durch ihre Augen zu sehen und verlor mit der Zeit jede Selbstkritik. Unser Zusammenleben wurde eine Orgie der Faulheit, der inneren und äußeren Bequemlichkeit.
Sie hasste Stephen. Sie hasste ihn, weil er mich ihr jedes Wochenende wegnahm, weil er mit mir das Bett teilte, weil er Blicke, Worte, Berührungen mit mir tauschte.
Die ersten Wochen verschwand sie samstags und kehrte erst Montag wieder zurück. Allmählich aber fand sie immer neue Vorwände, auch über das Wochenende bei uns im Wohnzimmer zu schlafen. Und ich ließ es zu.
Meine Gefühle zu Stephen waren inzwischen vollends erkaltet. Ihre Anwesenheit und die dadurch entstehende Spannung war mir willkommen.


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Mary - Wie der Name schon erahnen lässt, stammte sie aus dem angelsächsischen Raum. Richtig! Aus der Hölle des Weltkapitalismus, den USA. Das wusste ich damals nicht, dass man die USA in meiner etwas kleineren Welt als solche bezeichnet. Damals, als wir zum ersten Mal am Strand gemeinsam Klecker-Burgen bauten. Da war ich gerade einmal Fünf, sie ein halbes Jahr jünger. Mary, die Großnichte der Frau meines Großonkels; gewissermaßen meine „Schwieger-Groß-Cousine“.
dunkle_perlen_erotiknovellenWir wussten nicht viel von dieser Welt. Mich wunderte, dass sie so seltsam sprach. Worte, die ich nicht verstand. Umgekehrt schien das ähnlich zu sein. Doch wenn wir Burgen bauten, Löcher in den Sand gruben oder den Wasserball warfen, spielte das keine große Rolle. Der Ball und „the ball“, „borl“, klangen fast ähnlich. Beim „castle“, der Burg, war das schon etwas schwieriger. Das Sand-Loch, „the hole“ klang wie die Hohle. Ein Hohlweg, in dem wir zu Hause als Kinder gern spielten. Der Weg erinnerte stellenweise wirklich an ein Loch. Über solch kleine Eselsbrücken lernte ich meine ersten englischen Vokabeln. Über Badeanzüge, Schambehaarung, Autos, Kassettenrekorder, die verschiedensten Löcher im menschlichen Körper und deren Bedeutung für Glück und Fortpflanzung, steife Glieder, Filmkameras, Kondome, ob Zähneputzen vor dem Schlafengehen nützlich oder schädlich ist wie über untreue Ehefrauen, sprachen wir ohnehin noch nicht.
Die schwarze Mona - Wir besaßen eine Höhle in einer der zahlreichen Heumieten um den Ort herum. Die besagte diente als Futterreserve für den daneben liegenden Schafstall. Maritta besuchte uns, mich nebst drei anderen Freunden, in der Höhle. Berührung war nicht erlaubt, wir durften sie lediglich anschauen, wie sie nackt und breitbeinig auf dem Heu lag und sich selbst befriedigte. Einer nach dem anderen, jeder für sich, und jeder musste vor ihren Augen masturbieren.
Maritta, das Ebenbild einer Zigeunerin – so durfte man seinerzeit Mitglieder dieses Volkes unbeanstandet nennen. Eine schwarze Lockenmähne auf dem Kopf, die sich zwischen ihren Beinen bis weit über den Schamberg hinauf sowie ein kleines Stück an den Innenseiten der Oberschenkel hinab wiederholte, ein Urwald, der Anblick faszinierte mich.
Während sie mit zwei Fingern ihre von Haaren überwucherte Spalte öffnete oder sich am Kitzler rieb, befahl sie uns, vor ihren Augen zu wichsen. Dabei stöhnte sie leise. Wenn sie bemerkte, dass sich etwas ankündigt, streckte sie die Füße aus. Anschließend verrieb sie das Sperma auf ihren Beinen. Der Reigen wiederholte sich so lange, bis keiner mehr auch nur einen einzigen Tropfen heraus brachte. Vor der Höhle in der Warteschleife brachten wir unsere Schwänze wieder in Form, indem jeder den anderen bei der Schilderung seiner Erlebnisse mit Maritta zu übertreffen versuchte.
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Es war ein unnatürlich warmer Tag im Februar. Ein starker, lauer Wind schlug mir ins Gesicht. Er ließ mich an Frühling, an weite, zartgrüne Wiesen, an Liebe denken. Er erfüllte mich mit Unruhe. Es war ein trügerisches Wetter, das plötzlich umschlagen und mit Schnee, Eis und Kälte überraschen konnte. Föhn nannte man in Bayern diesen Wind, und man beeilte sich hinzu zu fügen, dass die Menschen an diesen Tagen unzurechnungsfähig seien. Alles, was geschah, angefangen von den kleinsten Vergesslichkeiten, über Familienkräche, Ehescheidungen, Autounfälle bis zum Mord, wurde auf den Föhn geschoben. Ob zu Recht, ich weiß es nicht. Jedenfalls hatte auch ich ihn mir schnellstens zunutze gemacht, und meine Reizbarkeit an diesen Tagen war außergewöhnlich.
An diesem Tag begegnete ich Helmut Zöllner.
„Sie gehören in eine andere Umgebung.“
„Gibt es hier irgendwo eine andere Umgebung?“
„Es wird sie wieder geben, und dann sitzen sie in irgend einem Häuschen am Rand einer amerikanischen Provinzstadt und kochen ihrem Mann das Essen.“
„Ich wäre nicht die erste Frau, die das tut.“
„Aber ich kenne sie, sie haben Charme und Sensibilität und Intelligenz. Sie haben eine wunderbare Stimme und herrliche Bewegungen. Sie sind eine hundertprozentige Frau, aber kein Weibchen.“
„Oh… tatsächlich…?“
„Tatsächlich, sie Baby… und das alles wollen sie in einem amerikanischen Provinznest zu Grabe tragen?“
„Ich will ja gar nicht … ich will ja gar nicht.“
„Na also! Jetzt werden wir endlich aufrichtig.“
„Was soll ich denn tun? Ich habe nie etwas gelernt. Ich kann nichts.“
„Nehmen sie Schauspielunterricht… gehen sie zum Theater, zum Film…“
„Das liegt mir aber nicht.“
„Das ist ganz unwichtig. Wichtig ist, dass sie aus dieser erstickenden Atmosphäre heraus und endlich zu sich selbst kommen.“
„Ja… sie haben recht.“
Ich stieß bei Papa auf keinen Widerstand. Er akzeptierte den Schauspielunterricht sogar mit einer gewissen Freude. Schon nach einer Woche kam Papa mit der frohen Nachricht, dass sich Walter Martens bereit erklärt hätte, mir Unterricht zu geben. Walter Martens, so erfuhr ich später, war ein sehr bekannter Münchener Theaterschauspieler.
Er war ein Mann mit Humor und Geist, etwa so alt wie mein Vater. Er machte Eindruck auf mich und weckte schwärmerische Jungmädchenempfindungen in mir. Ich kam mir in seiner Gegenwart klein, dumm und albern vor und hoffte, ihm nicht auf die Nerven zu fallen. Ich ahnte nicht, dass der Mann mit der sonoren Stimme und dem Löwenhaupt eine große Schwäche für junge, hübsche Mädchen hatte.
Es wurde Frühling. Der Flirt mit Martens war nett, aber mehr nicht. Warum geschah nicht endlich etwas, etwas wirklich Aufregendes – etwas, das den trübseligen Trott des Alltags durchbrach.
Es geschah. Eine neue Tür öffnete sich – die Tür zum Münchner Filmgelände Geiselgasteig.
„Ich habe eine kleine Filmrolle für sie, hätten sie Lust?“ fragte mich Martens eines Tages.
„O ja…“ Ich sah mich bereits groß und betörend auf der Leinwand.
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Werner Fischer kam eine halbe Stunde zu spät. Er legte Schal und Baskenmütze ab. Er hatte schütteres, braunes Haar, das aussah wie vertrocknetes Moos.
„Lebt ihr Mann nicht in München?“ Er stand in der Diele, als warte er auf etwas.
„Nein, in Bad Tölz. Er kommt nur am Wochenende.“
„Aha.“ Erst jetzt trat er an mir vorbei ins Zimmer.
„Sie sind ein Zauberwesen“, sagte er.
Ich hielt den Atem an. Ein genialer Mann nannte mich ein Zauberwesen, zog meine Gesellschaft Kaffee und Kuchen vor, kam zu mir in die Wohnung, nur um mich anzuschauen…
Wahrscheinlich war ich wirklich ein Zauberwesen. Meine Freude war so überwältigend, dass ich sekundenlang die Augen schloss. Im selben Moment packte er meine Schulter, warf mich quer über seine Knie, so dass mein Kopf auf der harten Sofalehne lag, und beuge sich zu mir hinab: „Sie sind ein Zauberwesen…“, flüsterte er noch einmal, und dann stülpte er seinen Mund über meinen.
Er hatte weder Vorfreude noch Verlangen in mir geweckt. Ich spürte nur die harte Lehne in meinem Nacken, und außerdem bekam ich keine Luft. Den Kuss selber empfand ich kaum, sagte mir aber, dass es eine Ehre sei, von einem berühmten Mann geküsst zu werden. Der Kuss dauerte sehr lange und ich versuchte, mich von dem Saugnapf seines Mundes zu befreien.
Er hob etwas ungehalten den Kopf, schien sich dann aber eines Besseren zu besinnen. Indem er lächelnd seine schönen Zähne entblößte, schob er einen Arm unter meine Kniekehlen, den anderen unter meinen Nacken, und mich so haltend, stand er auf.
Meine Bestürzung war so grenzenlos, dass Verstand und Aktionsfähigkeit aussetzten. Während Fischer den Raum durchquerte, starrte ich wie gebannt in sein lächelndes Gesicht. Erst als er vor dem Bett Halt machte, rang sich in mir der erste klare Gedanke durch: Die Querleiste gibt bestimmt wieder nach, und dann sackt die Matratze wie gewöhnlich auf den Boden. In diesem Moment schien meine Angst vor einer derartig peinlichen Situation größer als die Angst, Stephen könnte überraschend erscheinen.
„Bitte nicht…“, flüsterte ich erstickt.
„Meine Süße… ich habe solche Sehnsucht nach dir.“
Er ließ mich vorsichtig auf das Bett gleiten, kniete davor nieder und schob mir den Rock bis zur Hüfte empor. Jetzt verließ mich die Angst vor der brechenden Querleiste und machte anderen Ängsten Platz. Und es waren so viele, so gewaltige Ängste, dass ich entsetzt hoch fuhr.
„Meine Süße…“, sagte Fischer mit einer Stimme, die wie schmelzendes Metall klang.
„Oh bitte“, flüsterte ich, „denken sie doch an meinen Mann!“
„Besteht denn die Möglichkeit, dass er plötzlich kommt?“
„Das meine ich nicht … ich meine … ich bin doch mit ihm verheiratet…“
„Aber mein Engel…“, jetzt streifte er mit einer einzigen schnellen Bewegung den Schlüpfer herunter. „Du hast doch auch Sehnsucht nach mir, nicht wahr?“
Er beugte sich zu mir und schaute mir mit dem harten, glänzenden Blick eines Hypnotiseurs in die Augen.
Und plötzlich sah ich wieder den genialen Künstler, den großen Regisseur, den berühmten Schauspieler – kurzum den Mann, dem man sich beugt. Während ich mich auf das Kissen zurück sinken ließ, griff ich mit der Hand nach Stephens Foto, das auf meinem Nachttisch stand, und drehte es zur Wand.

Die Affäre mit Werner Fischer war für mich insofern eine Katastrophe, als ich sie nicht nüchtern sehen wollte. Ich bauschte sie zu einem dramatischen, erschütternden Erlebnis auf und versuchte, darin die endlich wahr gewordene Erfüllung meines Lebens zu erkennen. Es gelang mir, den simplen Tatsachen Liebe, Leidenschaft einen tiefen, geheimnisvollen Sinn anzudichten. Der primitive Sexualtrieb eines Mannes wurde zu verzehrendem, beiderseitigen Verlangen. Der kurze, hektische Geschlechtsakt, bei dem ich weder Lust noch Freude, geschweige denn Befriedigung gefunden hatte, wurde zu einer sinnbetörenden Liebesstunde. Werner Fischer, ein Mann, nicht besser und nicht schlechter, nicht klüger und nicht dümmer als tausend andere, wurde zum vehementen Liebhaber, zum angebeteten Geliebten. Ich selber wurde zu der liebenden Heldin eines schwülstigen Dramas… Alles lesen>>>>>

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