Juno und Jupiter – Königin und König der römischen Götterwelt
Deutscher Buchpreis 2024 – Martina Hefter – Hey Guten Morgen, wie geht es dir? – Buchkritik
Buchpreis – Martina Hefter har ein göttliches Buch (?) geschrieben – Andreas Platthaus, FAZ – Titelbild: Giovanni Lanfranco – Jupiter und Juno
Buchpreis 2024
Mein Oberbootsmann bei der Marine – ein kluger Mann, lang ist es her -, gab mir und anderen einen Spruch mit auf den Weg, der da lautete: „Wenn du eine Auszeichnung oder Orden haben willst, dann musst du nicht unbedingt besser sein als andere, du brauchst nur jemanden, der dich vorschlägt und irgendwann bist du dran …“ Der Spruch fiel mir beim Lesen des Romans des Jahres 2024,
ausgezeichnet mit dem Buchpreis, ein. Hier müsste es lauten: „Erstelle ein Romankonzept, das dem woken Zeitgeist entspricht und beantrage ein Stipendium … Sofern dem Antrag stattgegeben wird, hast du schon die halbe Miete in der Tasche“ – den Buchpreis.
Bestseller?
Bei: „Wie schreibt man einen Bestseller?“, verhält es sich so ähnlich, bei verschiedenen zeitgenössischen Werken, wie hier in diesem Blog schon öfter erwähnt. Der Titelheld streckt bereits auf Seite 1 seine (mit berühmter Schuhmarke bekleideten Füße) aus dem (Name der Nobelkarosse heraus), dann greift er zur (Zigarettenmarke), um diese mit seinem (Markenfeuerzeug – Gold, man gönnt sich ja sonst nichts) anzuzünden. In Michel Houellebecqs „Serotonin“ bleibt kaum ein Pariser Nobelrestaurant unerwähnt, und schon stimmt das Werbebudget, weil hier die Werbung schon die halbe Miete bedeutet. Ob der Buchpreis 2024 auch ein Bestseller wird? Mal schauen. 
Zum Roman
Juno Isabella Flock, Performancekünstlerin, Frau von Jupiter, schwerbehindert, Schriftsteller, trifft, von Bedürfnissen und Sehnsüchten getrieben und weil sie nicht schlafen kann, nachts bei Instagram auf den Love-Scammer Benu. Ein göttliches Buch(?), wie oben vermerkt, die Symbolik ist es jedenfalls, da greift man gleich zum Göttervater der Römer, Jupiter, und seiner Frau Juno, man gönnt sich ja sonst nichts, göttliche Unendlichkeit des Weltalls, lediglich bei Benu, dem Love-Scammer fehlt ein „N“, weil der gleichnamige Asteroid mit Doppel-N geschrieben wird, wenn auch abgeleitet vom altägyptischen Totengott Benu – göttlich, in der Tat.
Aus dem Klappentext
Juno chattet mit Männern, die Frauen online ihre Liebe gestehen, und so versuchen, sie um ihr Geld zu bringen. Doch statt darauf hereinzufallen, werden genau diese Männer zu einer Form von Freiheit für Juno. In den Gesprächen kann sie sein, wer sie will – und das vermeintlich ohne Konsequenzen. Ganz im Gegensatz zu ihrem sonstigen Leben, in dem sie immer unterwegs, immer besorgt um Jupiter, immer beschäftigt und eingebunden ist. Also flüchtet Juno ab und zu vor ihrem Alltag ins Internet und spielt dort Spielchen mit Männern, die sie anlügen. Sie selbst wird zur Lügnerin …
Erotik – Leider Fehlanzeige im Buch des Jahres 2024
Wie man sich doch in Ankündigungen täuschen kann, da stand: „… ein berührender Roman über Bedürfnisse und Sehnsüchte“, also dachte ich „Kaufen(!)“ Denn wenn man im Zusammenhang mit erwachsenen Menschen solche Vokabeln liest, dann denkt man eben auch an Sexualität, aber Fehlanzeige. Dennoch habe ich mich dazu entschlossen, das Buch hier vorzustellen, vielleicht um weiteren Irrtümern vorzubeugen, liebe Leser*innen. Möglich, dass die Autorin das anders sieht oder anders empfindet, denn in Juno Isabella Flock steckt wohl eine ganze Menge Martina Hefter drin, denn, wie man in ihrer Bio liest, beschäftigt sie sich auch mit Performancekunst.
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Und wer ist Jupiter?
Sicher in einem Teil auch die andere Hälfte von Frau Hefter, Jupiter und Juno, Juno, die Sonde, die um ihn herum kreist, bilden schließlich ebenfalls gewissermaßen eine Einheit. Jupiter ist überdies ebenfalls Schriftsteller, wie die Autorin, und für sein Buch, welches ebenfalls mit einem Stipendium unterstützt wird bekommt er ebenfalls einen Buchpreis. Und Jupiter ist es auch, der uns vor dem Einschlag diverser Asteroiden oder Kometen schützt, womit wir wieder bei Benu sind und sich somit der Kreis der Symbolik schließt, göttlich wie planetarisch ..
Blog Highlights
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Woker Zeitgeist
Wir müssen die Welt retten, die armen Afrikaner, die, um ihren täglichen Hunger zu überwinden, keine andere Wahl haben, als gelangweilten und überfressenen Europäer*innen als Love-Scammer ein paar Euro aus der Tasche zu zocken oder ihr Leben dafür aufs Spiel setzen, um auf löchrigen Seelenverkäufern das Mittelmer zu überqueren. Dabei sind wir doch alle so reich, dass wir noch viel mehr von ihnen aufnehmen könnten. Bleibt nur zu hoffen, dass am Ende auch ein paar Euro übrig bleiben, um diversen Künstlern mangels größeren öffentlichen Interesses an ihrer Kunst die zum Überleben benötigten Fördermittel zu bewilligen.
Wie ungerecht die Welt doch ist
Und warum ist das so, dass Afrika arm ist (was im Übrigen so generell gar nicht stimmt)? Weil wir Europäer schuld sind, weil wir 24/ 7 Strom haben wollen (S. 71) – hätten wir den nicht, hätten wir dann Frau Hefter ein Stip bewilligen können oder wäre sie dann vielleicht genauso arm oder sogar ärmer als sie sich hier schreibt? Das klassische Ballett ist zutiefst kolonial (S.113/ 114), also weg damit, die Mohren-Apotheken gleich mit und Straßenbahnkontrolleure kontrollieren selbstverständlich immer zuerst die Dunkelhäutigen (194/ 195), während sie die weißen Schwarzfahrer*innen laufen lassen.
Die Autorin
Martina Hefter – geboren am 11. Juni 1965 in Pfronten, Ostallgäu, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Performancekünstlerin. Ausgebildet als Gymnastiklehrerin mit Schwerpunkt Tanz und zeitgenössischem Bühnentanz in München und Berlin. Sie studierte später am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Dort wohnt und arbeitet sie seit 1997. Mit „Junge Hunde“ erschien im Jahre 2001 ihr Debütroman. Der hier vorgestellte, mit dem Buchpreis 2024 ausgezeichnete Roman erschien im selben Jahr als ihr erster Roman seit 16 Jahren. Neben den Romanen veröffentlichte sie fünf Gedichtbände.
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Leseproben
Sie schlief schon seit einer Weile nicht mehr.
Manchmal nahm sie das Handy und öffnete Instagram. In den Feed schaute sie gar nicht erst, der war meistens langweilig. Lieber gleich in die Direct Messages. Eine glitzernde, hüpfende Neugier. War wieder eine Nachricht von Unbekannt da? In diesem Fall war das Wort Anfrage fett und blau. Es war eigentlich jede Nachricht fett und blau.
Hey Schönste/ Hallo Hübsche/ Hi, du Sonnenschein, wie gehts?
Die ihr da schrieben , hießen Jimmy Taylor_354 oder Marcus De Buonaventura … Hey guten Morgen – Buchpreis 2024>>>
Irgendwas mit Sonnenbrille in der Stirn
Manchmal las sie gar nicht erst den Namen des Profils, die Namen lauteten immer gleich. Braungebrannte, graumellierte Titanen. Was dachten die Scammer eigentlich, was sie für einen Geschmack hatte? Juno hätte niemals so einen Mann attraktiv gefunden.
Bist du verheiratet?
Nein, ich bin gerade im Gebirge mit meinen zwei Lovern.
Was meinst du mit Foto von uns schicken? Er meinte ein Foto, wie sie zu dritt Sex hätten.
Es endete damit, dass es diesmal kein Love-Scammer war. Dass er Juno das alles glaubte und gern online dabei sein wollte. Er würde auch bezahlen, ob Juno PayPal habe …?
Juno – In der Schule stand Juno in den Pausen meist allein
Juno Isabella Flock schnitt sich das Haar schon mit zehn selbst, mit einer kleinen, goldenen Schere aus dem Nähkästchen ihrer Mutter. Immer öfter schnitt sie auch an ihrer Kleidung herum, die Säume an den Ärmeln kamen weg oder die Füße an den Strumpfhosen, die sie im Winter tragen musste. Manchmal schnitt sie einfach Längsschlitze in die Hosenbeine.
Damit es luftiger ist, sagte sie zu ihrer Mutter.
Zuerst gabs ein riesiges Trara deswegen, aber irgendwann nahmen ihre Eltern es hin.
In der Schule stand sie in den Pausen meist allein … Hey guten Morgen – Buchpreis 2024>>>
Juno war schon immer komisch gewesen
Irgendwann war Nyx in ihrem Leben {…] Nyx war es egal mit Junos Haaren und den abgeschnittenen Säumen und Ärmeln, ihm gefiel es sogar. Überall Schnitte in ihren Kleidern, in ihren Haaren. Manchmal nähte Juno die Schnitte wieder zu, mit schiefen, absichtlich schlechten Nähten. Ihr gefiel es. Sie mochte auch ihre Haare. Inzwischen gabs die ersten Punks in den Großstädten, und in der Schule dachten alle, Juno gehöre auch zu ihnen.
Sie war ja sowieso immer komisch gewesen.
Hätte komisch geschaut, komisch dagestanden, komische Sachen gesagt … Hey guten Morgen – Buchpreis 2024>>>
Irgendwann zog Juno zu einer Frau
Irgendwann packte Juno einen Rucksack und zog in das Haus einer Frau, die weit hinten im Tal wohnte […]
Das Haus stand am Fuß eines Berges, direkt neben dem Kieselufer der Vils, jenes Flusses, der das Dorf in quirligen, hüpfenden Schnellen durchfloss.
Ein selbstgeschriebenes Schild hatte am Gartenzaun gehangen, ein Zimmer sei gegen Mithilfe im haus und im Stall zu vergeben.
Die Frau hielt eine kleine Herde von fünf Schafen, dazu ein Dutzend Hühner in einem Stall hinter dem Haus, aber nur als Hobby.
Die Frau veröffentlichte Bücher
Juno konnte später nie sagen, was für Bücher, sie erinnerte sich nur an ein paar Buchrücken mit dem Namen der Frau darauf in einem Regal, und dass die Frau abends in der Stube lange in die Schreibmaschine tippte und dabei rauchte.
Sie hatte immer Kajal um die Augen und trug gehäkelte schwarze Kleider.
Im Ort sagte manche, sie sei „eine Verrückte“. Sie sei als junge Frau in den Ort gezogen, als Juno noch nicht geboren war, erzählte sie Juno.
Juno half mit den Schafen und den Hühnern.
Es war schön, die Hühner abends mit großen Armbewegungen in das Hühnerhaus zu scheuchen … Hey guten Morgen – Buchpreis 2024>>> 
Wie alt war Juno? Sechzehn
Die schreibende Frau besaß eine Nähmaschine, die Juno benutzen durfte, und in der Stube gabs eine riesige Truhe mit Stoffresten.
Leg los, sagte die Frau zu ihr und ging rauchend aus dem Raum. Manchmal tauchte Juno mit selbstgenähten Kleidern und ihrer selbstgemachten Frisur in der Ortsmitte auf, um einzukaufen, und sie sah, wie die Leute in den Autos die Köpfe herumrissen und nach ihr schauten.
Das sieht gut aus, sagte Nyx. Nyx war immer noch da …
Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass nichts für immer ist, sagte Juno irgendwann zu ihm. Und Nyx weinte erst kurz, dann nickte er. Wenig später zog er zu seinem Vater in die Bretagne.
Juno fand das Leben halb okay, aber eben nur halb
Irgendwann kamen andere Mädchen aus dem Dorf zu Juno auf den Hof und baten sie, ihnen die Haare zu schneiden. Irgendwann nähte sie ihnen auch die Kleider. Irgendwann verlangte sie Geld dafür.
Je weniger sie die Mädchen, die zu ihr rauskamen, leiden konnte – sie waren schön und blond und spielten Tennis im Tennisclub und fuhren abends in die Kreisstadt in die neuen, großen Diskotheken auf den grünen Wiesen außerhalb der Stadt […] – desto mehr Geld verlangte Juno von ihnen. Die Mädchen zahlten immer, auch wenn Juno mit den Preisen rauf ging, wie es ihr gerade passte … Hey guten Morgen – Buchpreis 2024>>>
Fazit
Beim Lesen kam ich mir beinahe schuldig vor, schuldig dafür, kein Künstler zu sein, der oder die mangels größerem öffentlichen Interesses für diese Kunst auf staatliche Förderung angewiesen ist oder schuldig dafür, dass ich nicht wenigstens einmal wöchentlich als Eintritt zahlender Gast einer solchen Darbietung beiwohne, schuldig, nichts dafür zu tun, dass nun endlich jeder Zug, jede Straße oder jeder Hauseingang behindertengerecht ausgebaut wird, schuldig, nicht wenigstens monatlich einen bestimmten Geldbetrag für die Armen dieser Welt zu spenden, aber das sollte wohl auch eine der Absichten dieses Buches sein, dafür der Buchpreis.
Sie wollen nur besser schlafen können, die Wokes …
… so wie Juno, die am Ende besser schlafen kann, wenn sie ihrem nigerianischen Love-Scammer ein paar Minuten ihrer Zeit widmet. Wenn auch die Dialoge von Zeit zu Zeit vertrauter werden, fiel es mir beim Lesen schwer festzustellen, worin für beide der Gewinn gelegen haben könnte und wo am Ende die Hilfe? Und helfen wir diesen Menschen wirklich, wenn wir immer mehr aufnehmen? Da wage ich eine steile These: Hätte es im 18./19. bis Mitte des 20. Jh. die „Schlaraffenländer“ und die Fluchtmöglichkeiten von heute gegeben, die Welt hätte nicht eine einzige nationale Revolution erlebt …
Filmtipp
Kein preisgekrönter Film und auch der Romnanzyklus, der dem Film zugrunde liegt, erhielt keinen Buchpreis, doch bei dem japanischen Regisseur, aus dessen Feder der Film stammt, erhielt eine ganze Reihe nationaler und internationaler Filmpreise:
Antiporno von Regisseur Sion Sono aus dem Jahre 2016, uraufgeführt am 7. September 2016 beim L’Étrange Festival in Frankreich … Mehr zum Film mit Trailer finden Sie hier>>>
Antiporno
Der Film erzählt die Geschichte der renommierten Künstlerin und Schriftstellerin Kyōko (Ami Tomite), die, eingefangen in einem einsamen goldenen Käfig ihres eigenen Erfolgs Phantomerinnerungen mit ihrer verstorbenen Schwester Taeko austauscht. Als Ihre Assistentin Noriko ( Mariko Tsutsui ) mit dem Vorschlag für ein Interview mit einem bekannten Lifestyle-Magazin aufwartet, kämpft Kyōko mit Übelkeit und Selbstzweifeln, Sie lindert ihre Unsicherheiten, indem sie ihre ältere Assistentin vor den anderen einer Reihe ritueller Demütigungen unterzieht. Ein fieberhafter Traum aus Grausamkeit und Masochismus …
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